Beitrag für VONMagazin, 4/ 2009 Winter., siehe http://www.vonmagazine.com/VON409/index_scalable.html


I love to see them – when they are good!

Feldenkrais Trainer Jeremy Krauss über Athleten, Bewegung und Lernprozesse

Jeremy Krauss

Jeremy Krauss zu treffen ist leicht. Er ist aufgeschlossen und kann sich in so gut wie jeder menschlich möglichen Situation schnell orientieren. Er wirkt jung, bewegt sich leicht und kommt einem auch nach einem langen Trainingstag mit offenem Blick und einem interessierten Lächeln entgegen. Zu verstehen, was der Mann seit 30 Jahren beruflich macht, ist ein anderes Thema.

Sie sind Trainer für Felden...was?
Jeremy Krauss: Die Feldenkrais Methode, benannt nach ihrem Begründer, ist eine Art des somatischen Lernens. Wir benützen langsam durchgeführte Bewegungen, um das Gehirn zu erreichen und uns neue Möglichkeiten zu eröffnen. Also, es ist weder eine Therapie noch eine weitere Form der Gymnastik, denn bei uns werden Bewegungen dort gelernt, optimiert, erleichtert und geklärt, wo sie tatsächlich herkommen: aus dem Zentrum, der Steuerung, dem Gehirn. Das macht diese Methode so effektiv und auch so faszinierend.

Was ist nun der Unterschied zwischen der Feldenkrais Methode und den vielen anderen Methoden wie Yoga, Pilates, Kieser Training?
Es gibt einen fundamentalen Unterschied. Aber Moment, zunächst möchte ich sagen, dass es leichter ist, diese Unterschiede aus der Innenperspektive zu identifizieren. Weniger leicht ist es von außen - denn viele Methoden haben mit Bewegung zu tun, viele mit Wachstum, manche mit Lernen. Das Einzigartige an der Feldenkrais Methode, was sie wirklich unterscheidet, ist, dass wir die Bewegung nicht als Ziel, sondern als Mittel begreifen. Wir setzen Bewegung ein, damit Menschen sich... ich würde sagen: besser selbst regulieren können, sich besser managen können. Menschen kommen zu mir, weil sie spüren, dass etwas nicht optimal ist. Sie wissen zwar nicht was, aber sie spüren etwas - das kann ein Schmerz sein oder die Reste einer Verletzung oder eben, dass eine von ihnen verlangte Bewegung oder Tätigkeit nicht gut durchgeführt werden kann. Die Feldenkrais Methode verhilft ihnen dazu, sich mehr wie sie selbst zu fühlen, sich bei sich selbst gut aufgehoben fühlen. Deswegen kommen die Leute wieder. Ihr Wohlbefinden in ihren Bewegungen wird größer, ihr Wohlbefinden im emotionalen Sinn und vielleicht auch in ihren Beziehungen, weil sie eine Beziehung zu sich selbst haben. Schließlich ist fundamental, dass wir uns selbst regulieren können, dass wir eine Beziehung zu uns selbst haben und in der Feldenkrais Methode haben wir eine ganz besondere Möglichkeit, diese Areale im Gehirn, im Nervensystem, in den Muskeln anzusprechen, so dass man sich tatsächlich mehr wie sich selbst fühlt. Und das ist ein ganz anderes Gefühl als geheilt zu werden oder ein Problem gelöst zu bekommen. In diesem Feldenkrais Prozess sind Lösungen und Heilungen eher ein Nebenprodukt.

Wie würden Sie körperliches Wohlbefinden definieren?
Gute Frage. Ich würde sagen, dass man in einem Zustand ist, um die Dinge zu bewerkstelligen, die man tun möchte, wenn man will - und sich dabei wohl fühlt.

Und was ist mit Einschränkungen? Mit der Frustration, wenn wir etwas nicht können?
Ich weiß nicht, ob es Frust ist. Vielleicht eher, dass man sich auf einem Gebiet nicht entwickelt. Vielleicht eher, dass man sich nicht zu seinem vollen Potential entwickelt. Physisches Potential, emotionales, soziales, intellektuelles Potential... Also in der Diskussion um Wohlbefinden geht es natürlich auch um die Physis, denn ohne Körperlichkeit gibt’s gar nichts. Wohlbefinden beinhaltet natürlich körperliche Aspekte. Aber lassen Sie mich eine Geschichte über meinen Vater erzählen: Bei einem Verkehrsunfall im Alter von 3 Jahren verlor er ein Bein. Damals betrachtete man jegliche physische Abweichung, genauso wie geistige Behinderungen, chronische Krankheiten und so weiter als das gleiche Problem. Man warf, bildlich gesprochen, alles in einen Topf und nannte es "zurückgeblieben". Also kam dieser Bub, dem ein Bein fehlte, in eine Schule für "Zurückgebliebene", bis ein Lehrer schließlich beherzt fragte: "Was macht dieses Kind hier!?". Tatsache war, dass es keine Bildungseinrichtungen gab für Leute wie meinen Vater, der ein bisschen anders war. Letztendlich kam er in eine "normale" Schule, wo er natürlich schief angeschaut wurde. Im Sommer fuhr er in ein Sommerlager - und dort wollte er nie seine langen Hosen ausziehen, er wusste aus der Schule, wie sehr man gehänselt werden kann und schämte sich schrecklich. Er duschte sogar nur in der Nacht, wenn niemand in den Waschräumen war. Eines Nachts wurde er von einem Betreuer entdeckt - und mit ihm hatte mein Vater ein gutes Gespräch. Der Betreuer fragte, was er sich am meisten wünsche. "Schwimmen lernen!" Also lernte mein Vater in nächtlichen Schwimmstunden und konnte schließlich den Kindern zeigen, dass er schwimmen konnte und gar nicht so anders war. Die Behinderung, die er spürte, war tatsächlich das fehlende Wissen im richtigen Umgang mit ihm. Später wurde er Leistungsturner in seiner Highschool und Kapitän des Teams, ein Wunder auf den Geräten. Warum? Sicher auch, weil sein Sinn für Gleichgewicht weit besser entwickelt war und weil er in schon in dem Alter derart viel über sich gelernt hatte, nicht über sein "Anderssein", aber über die Einzigartigkeit seines Selbst. Mein Vater ist heute 88 und noch immer ein guter Schwimmer.

Was meinen Sie zu heutigen Spitzensportlern?
I love to see them - when they are good!

In der Feldenkrais Methode geht es darum, sein eigenes, individuelles Potential zu entfalten und daraus Wohlbefinden zu schöpfen. Wem bringt das was?
Die Methode ermöglicht es Spitzensportlern genauso wie Musikerinnen, die von ihnen gebrauchten, hoch spezialisierten Bewegungen zu verfeinern. Die Methode wird weiters sehr erfolgreich im gesamten Bereich der Rehabilitation eingesetzt und auch in der alltäglichen Wiedererlangung von Bewegungsfreiheit. In meinen nun 30 Jahren Berufserfahrung habe ich vielen Leuten Einzelstunden gegeben, zum Beispiel der Tänzerin Pina Bausch und vielen anderen, die im Bereich der Künste tätig sind. Aber ich habe auch in sehr vielen Kontexten Gruppenstunden in "Bewusstheit durch Bewegung" unterrichtet. Das sind jene mündlich angeleiteten Stunden, in denen Menschen die Bewegungsabfolgen selbst durchführen. In den Einzelstunden ist es ein körperlicher Dialog, hier bewege ich die Person, die meist mit einem sehr konkreten Anliegen zu mir gekommen ist. Die Arbeit hat mit Lernen zu tun, und es ist befriedigend, Leute dabei anzuleiten und zu begleiten, wenn sie lernen - und ihnen das wiederum ein großes Zufriedenheitsgefühl verschafft. Es gibt keine Einschränkung dafür, wer von Feldenkrais Stunden profitieren kann.

Sie selbst sind ganz jung zur Methode gekommen und waren sogar ein persönlicher Schüler von Dr. Moshé Feldenkrais?
Ich war glücklicherweise zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Tatsächlich lernte ich die Methode in einem Workshop kennen, fand diese Arbeit sofort interessant und beschloss, die Ausbildung zum Feldenkrais Lehrer zu machen. Ich war jung, 19, und die 6 Monate bis zum Beginn des Trainings wollte ich gleich sinnvoll nützen und flog nach Israel, um mit Dr. Feldenkrais zu sein, eventuell Privatstunden zu bekommen und andere der erfahrenen Lehrer kennen zu lernen. Er hatte sehr viele Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt und war immer beschäftigt, aber es war gut, dass ich dort war. Schließlich begann meine Ausbildung in den USA, mit dem nun schon relativen alten Dr. Feldenkrais - und er wurde krank und flog nach Hause. Da ich Hebräisch konnte und schon öfter in Israel gewesen war, flog ich hinüber, und damals konnte ich dann wirklich Zeit mit ihm verbringen. Er war krank, aber lud mich jeden Tag wieder ein, wir verbrachten viele Stunden zusammen, er forderte mich und förderte mich. Schließlich war er wieder stark genug, um selbst Stunden zu geben, und da war ich, ein junger Schüler, der sich nützlich machen wollte - also konnte ich den Raum herrichten und war ihm rundherum behilflich. Schließlich gegen Ende meines Aufenthalts fragte er, ob ich bleiben wolle und gab mir Arbeit in seinem Feldenkrais Institut. Ich flog also nicht zurück nach Hause, sondern begann Gruppen zu unterrichten. Leider erholte sich Moshé Feldenkrais nicht mehr von seiner Krankheit. Ich war zu jener Zeit da, lernte viele, viele Leute kennen und schloss meine Ausbildung ab.

Sie haben seither 17 Trainings geleitet, also 17 jeweils 4-jährige Ausbildungen für Menschen, die selbst Feldenkrais Lehrer werden wollen. Wie sahen Ihre eigenen ersten Schritte damals aus?
Man kannte mich, ich war der Jungspund, der um Dr. Feldenkrais herum war, als er schon alt war. So war es leicht, meine Praxis in Tel Aviv zu starten, in der ich dann viele Jahre arbeitete. Ab einem gewissen Punkt wollte ich mehr über die zugrunde liegenden Prinzipien wissen. Ich komme aus einer akademischen Familie, also ich wollte den entwicklungstheoretischen Aspekt besser verstehen und den pädagogischen und auch selbst lehren. Ich wurde Training Assistent und publizierte ein Buch, damals das erste Buch auf Hebräisch, das die Methode für einen weiteren Personenkreis nachvollziehbar erklärte. Als ich schließlich Trainer war, wurde ich auch sehr aktiv dabei, die Materialien, die Dr. Feldenkrais hinterlassen hatte und die nicht publiziert und nicht zugänglich waren zu übersetzen. Inzwischen bin ich Educational Director, das heißt, ich leite jeweils ein Team von Trainerinnen und Trainern, die den 4-jährigen Lernprozess gestalten.

Worum geht es in diesem Material?
Dr. Feldenkrais hinterließ hunderte Stunden an "Bewusstheit durch Bewegung" Lektionen, die er auf Band aufgenommen hatte, während er sie unterrichtete. Er korrigierte und verfeinerte sie, bis er zufrieden damit war. Diese Lektionen habe ich aus dem Ivrit [Modernhebräisch] ins Englische übersetzt und verschriftet und sie sind nun zugänglich und bilden die Grundlage für heutige Feldenkrais Lehrerinnen und Lehrer.

Was erhält seit nun immerhin 30 Jahren Ihre Faszination?
Großartige Frage, das hat mich noch nie jemand gefragt. Hm. Es gibt mehrere Aspekte, die mich faszinieren. Zunächst gefällt mir die Tätigkeit des Unterrichtens sehr - und das ist noch immer der Hauptbestandteil meiner Arbeit. Weiters finde ich die wissenschaftliche Basis faszinierend. Unser Verständnis des menschlichen Gehirns hat sich in den letzten 30 Jahren ja extrem vertieft und wird breit beforscht. Es gehört zu den ganz großen Themen der Forschung und es stellt die Grundlage unserer Feldenkrais Arbeit dar. Und wenn wir es als erfahrungsbasierte Methode betreiben, so ist es dennoch so, dass die Forschung uns begleitet und wir mehr und mehr verstehen, wie es funktioniert. Da Einblicke zu bekommen ist faszinierend. Man weiß zwar, was man tut, aber dann beginnen andere Leute, außerhalb des Feldenkrais-Kontexts, es zu erklären. Dr. Feldenkrais verstand es vor vielen Jahren, aber konnte es nur genauso erklären, wie zum Beispiel Freud erklären konnte und John Bowlby, der Vater der Bindungstheorie, mittels klinischer Beobachtungen Dinge tatsächlich beweisen konnte. Weiters geht es in der Methode um Lernen. Was bedeutet lernen? Welchen Stellenwert hat es in einer Gesellschaft? Was ist "selbst-lernen"? Alle Aspekte des Lebens, privat wie professionell, erfordern lernen. Wie hat sich Lernen im Laufe der Geschichte verändert? Warum sind Leute mit Bildungssystemen oft so unzufrieden? Menschen, die in eine Ausbildung kommen um Feldenkrais Lehrer zu werden, machen sehr persönliche Lernprozesse, und das ist faszinierend zu sehen. Leuten beim Wachsen zuzusehen: großartig! Ich genieße es einfach zu tun, man kann sich in der Feldenkrais Methode endlos weiterentwickeln, es gibt so viel Raum, um die eigenen Fähigkeiten und das Verständnis und die Fertigkeiten zu entwickeln. Ich vermute, deswegen bin ich noch immer voll Faszination dabei.

Für das Gespräch bedankt sich: Verena Krausneker.

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Feldenkrais Ausbildung 2011
Die Feldenkrais Methode lernen und lehren: Die nächste internationale Feldenkrais Ausbildung in Wien startet im Juli 2011 und dauert 4 Jahre (40 Unterrichtstage pro Jahr). Sie werden von prominenten Feldenkrais-Lehrern unterrichtet: Educational Director Jeremy Krauss ist ein persönlicher Schüler von Dr. Moshé Feldenkrais. Die Methode kann berufsbegleitend erlernt werden. Die Kursgebühr beträgt € 4.200,- pro Jahr, wobei early birds Ermäßigungen bekommen. Unterrichtssprache ist Englisch (Maturaniveau ausreichend). Fragen gerne jederzeit an das Team: training@feldenkraisinstitut.at

Autoreninfo:
Dr. phil. Verena Krausneker ist Sprachwissenschafterin an der Universität Wien und Mitbegründerin des Feldenkrais Institut Wien.